Eingang zum Volltext in OPUS


Hinweis zum Urheberrecht

Dissertation zugänglich unter
URN: urn:nbn:de:gbv:luen4-opus-143944
URL: http://opus.uni-lueneburg.de/opus/volltexte/2016/14394/


Deliberative Bürgerbeteiligung in der deutschen Debatte um Priorisierung in der medizinischen Versorgung. Eine explorative Analyse von Potenzialen, Qualitätsanforderungen und Kontextbedingungen am Beispiel der Lübecker Bürgerkonferenz

Deliberative public involvement in the German debate on prioritisation in medicine. An exploration of potential impacts, quality requirements and context effects of a citizen conference in Lübeck

Bossert, Sabine

pdf-Format:
Dokument 1.pdf (9.430 KB)

Bookmark bei Connotea Bookmark bei del.icio.us
SWD-Schlagwörter: Partizipation , Gesundheitswesen , Teilnahme , Konferenz , Bürgerbeteiligung
Freie Schlagwörter (Deutsch): Deliberation , Bürgerkonferenz , Partizipation , Priorisierung , Gesundheitssystem
Freie Schlagwörter (Englisch): Deliberation , citizen conference , participation , prioritisation , health care system
Institut: Politikwissenschaften
DDC-Sachgruppe: Politik
Dokumentart: Dissertation
Hauptberichter: Saretzki, Thomas (Prof. Dr.)
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.06.2015
Erstellungsjahr: 2015
Publikationsdatum: 14.04.2016
Kurzfassung auf Deutsch: Die Frage nach einer gerechten, möglichst von allen Mitgliedern eines Gemeinwesens als legitim erachteten, Verteilung verfügbarer Ressourcen stellt sich unweigerlich in jedem kollektiv finanzierten Gesundheitssystem. Sie ist nicht beschränkt auf monetäre oder materielle Ressourcen, sondern betrifft zum Beispiel auch die Arbeitszeit von Fachkräften oder die Allokation von Spenderorganen. In Deutschland wurden solche Verteilungsfragen in der medizinischen Versorgung bisher erstens häufig einzelfallbezogen und ohne eine vorhergehende systematische Klärung der gesellschaftlichen Prioritäten behandelt; zweitens wurden sie vorwiegend von Leistungserbringern und Experten innerhalb von Fachöffentlichkeiten thematisiert. Eine in einigen inner- und außereuropäischen Ländern bereits erprobte Möglichkeit zur Vorbereitung der konsistenten Klärung von Verteilungsfragen in der Gesundheitsversorgung ist die systematische Priorisierung auf Basis einer gesellschaftlich geklärten Axiologie und Methodik. Die gestiegene Patienten- und Bürgerorientierung in der Gesundheitspolitik legt es nahe, Bürger auch in den regelmäßig umstrittenen Fragen nach den Werten, Kriterien und Verfahrensregeln für die Klärung von Priorisierungsfragen frühzeitig in die politische Meinungs- und Willensbildung mit einzubeziehen. Als besonders vielversprechend für die partizipative Bearbeitung komplexer Probleme gelten deliberative Formate, die im Anschluss an die sog. ´Konsensuskonferenzen´ in der Medizin entwickelt wurden.
Allerdings ist die Frage, ob und in welcher Weise sich solche deliberativen Beteiligungsformate tatsächlich zur Anregung und Förderung von Prozessen der Meinungs- und Willensbildung zu normativ anspruchsvollen und zukunftsorientierten Problemen eignen, immer noch umstritten. Die vorliegende Arbeit bearbeitet diese politisch-praktisch motivierte Frage im Rahmen einer in der Theorie der deliberativen Demokratie fundierten Mixed-Methods Analyse eines deliberativen Modellprojekts – der ´Lübecker Bürgerkonferenz zur Priorisierung in der medizinischen Versorgung´. Im Rahmen dieses Verfahrens sind im Frühsommer 2010 in Lübeck 20 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger an insgesamt vier Wochenenden zusammengekommen. Sie haben sich intensiv in die Frage nach Werten, Kriterien und Verfahrensregeln für die Priorisierung in der medizinischen Versorgung eingearbeitet, Experten hierzu befragt und zum Abschluss die Ergebnisse ihrer Diskussionen in einem gemeinsamen Bürgervotum festgehalten und der Öffentlichkeit übergeben.
Die Bearbeitung der oben genannten Fragestellung erfolgt in drei Analyseschritten: Im Rahmen einer Potenzialanalyse wird zuerst untersucht, ob und in welchem Maß sich die Potenziale, die in der einschlägigen Literatur solchen Bürgerbeteiligungsverfahren zugeschrieben werden, im vorliegenden Fall der Lübecker Bürgerkonferenz tatsächlich entfaltet haben. In einem zweiten Schritt wird im Sinne einer Evaluation untersucht, ob die Anforderungen an die Qualität deliberativer Bürgerbeteiligungsverfahren, die in der einschlägigen Literatur formuliert werden, im und vom Lübecker Projekt erfüllt worden sind. Im dritten Schritt geht es im Sinne einer Kontextanalyse um die Frage, wie sich die spezifischen Bedingungen, die mit dem Thema, dem Design und den Verfahrensentscheidungen gesetzt wurden, auf den Verlauf der Bürgerkonferenz und ihre Ergebnisse sowie auf ihre Bedeutung für die öffentliche und politische Meinungs- und Willensbildung außerhalb der Bürgerkonferenz ausgewirkt haben
Auf Grundlage der Analyse der Lübecker Bürgerkonferenz zeigen sich verschiedene in der Literatur bereits beschriebene Wirkungen deliberativer Verfahren auf die verfahrensinterne und öffentliche Meinungs- und Willensbildung. Aus der Analyse von Qualität und Kontexteffekten des Verfahrens werden hinderliche und förderliche Faktoren für die Entfaltung dieser Wirkungen identifiziert worden. Hieraus können 1.) einige Schlussfolgerungen für das analysierte Modellprojekt selbst gezogen, 2.) Empfehlungen für zukünftige ähnliche Beteiligungsverfahren zu zukunftsorientierten, komplexen Fragestellungen abgeleitet und 3.) einige Perspektiven für die Partizipations- und Deliberationsforschung entwickelt werden. So wird die Bürgerkonferenz explizit als Teil eines sie umgebenden deliberativen Systems verstanden. Diese Perspektive hat sich in verschiedener Hinsicht als vorteilhaft für die Analyse eines einzelnen deliberativen Beteiligungsprojekts erwiesen. Die Tauglichkeit dieses Ansatzes ist im Rahmen zukünftiger empirischer Studien zu überprüfen. Die in der vorliegenden Arbeit präsentierten detaillierten Ergebnisse zur Lübecker Bürgerkonferenz können hierfür als Vergleichsmaterialien dienen.
Kurzfassung auf Englisch: Every publicly financed health care system has to deal with the question of how to organise the just allocation of its resources. This does not only include financial resources but also the always limited time of health care professionals or scarce donated organs. In Germany, allocation in health care has usually been organised without systematically clarifying society´s priorities in advance; also, they have been discussed amongst health care professionals and experts with very scarce involvement of patients or the general public. To allow for a more consistent allocation, several countries around the world have developed a systematic methodology for prioritization in health care. Many countries also have been involving the public to identify publicly assessed and approved principles, criteria and procedural rules for prioritisation in health care. Deliberative fora (e.g. mini-publics) are considered as most promising methods to involve members of the public in the formation of public opinions and political wills on complex problems like prioritisation in medicine.
But, the applicability of deliberative methods as an actual contribution to process of the formation of public opinions and political wills on such normatively challenging and future-oriented questions remains uncertain. This thesis aims to contribute to the clarification of this question by means of a mixed-methods analysis of a local model-project: ´The Lübeck citizen conference on prioritisation in medicine´. In the course of this project, in the summer of 2010 20 randomly selected inhabitants of the German city of Lübeck were invited to discuss the following question: What principles, criteria and procedural rules should guide processes of prioritisation in the German health care system? Participants were able to interview several experts on this issue. After four weekends of deliberations, they summarized the results of the citizen conference in a mutual document which was presented to the public.
The analysis of the citizen conference in this thesis follows three steps: firstly, it is analysed whether potential impacts of deliberative mini-publics, which are being discussed in the relevant literature, have been realised in the Lübeck citizen conference. Secondly, in an evaluative step, it is analysed whether the requirements for a high quality deliberation have been fulfilled in the citizen conference. In a third step, context factors and their potential impacts on the course and the results of the Lübeck project are analysed.
For these three steps of analysis, different types of data are used: 1.) transcripts of discussions during the citizen conference, 2.) documents which have been used during the citizen conference (like sets of questions for experts or the participants´ mutual outcome document), 3.) semi structured qualitative interviews with some participants before and after the conference, 4.) a full selection of press- and media-reports on the project,5.) the documentation of a scientific symposium on the citizen conference, and 6.) a postal survey with about 400 stakeholders in the German health care system.
The results of the analysis indicate that several impacts which have been described in the literature are actually realised within and by the Lübeck citizen conference. According to the results of steps two and three (quality requirements and context factors), promotive and obstructive factors for the realisation of potential impacts are identified. These results can be used 1.) for a final assessment of the Lübeck citizen conference and its value for the formation of public opinions and political wills on prioritisation in health care, 2.) to make recommendations for future mini-publics on complex issues, and 3.) to hint towards some new perspectives for participation research and empirical research in the field of deliberative democracy.


Home | Suchen | English
Fragen und Anregungen an ubsrvc@leuphana.de
Letzte Änderung: 10.11.16